Historie

Die Siedlung Begau wurde in den Jahren 1934/35 zeitgleich mit der Broicher Siedlung gebaut. Beide Siedlungen wurden im Rahmen eines staatlichen Wohnungsbauprogramms geplant und errichtet. Das Programm verfolgte den Zweck, Wohnraum für die Facharbeiter zu schaffen, die in der Steinkohlenindustrie des Wurmreviers dringend benötigt wurden. Das Besondere an dem auf der Begau verwirklichten Siedlungskonzept war, daß hier ein Siedlungsgebiet alleine mit freistehenden Einfamilienhäusern zur Eigennutzung entwickelt wurde, denen jeweils eine Garten- und Nutzfläche von rund 1.000 qm zugeordnet war. Damit unterschied sich die Siedlung sehr deutlich von dem bisherigen Werkswohnungsbau im Aachener Revier, der überwiegend von einer verdichteten Reihen- oder Doppelhaushausbebauung geprägt war, die zum Teil bis in die jüngste Zeit als sogenannte Arbeitet-kolonien zu erkennen waren, zum Beispiel in Alsdorf die „Hermannskolonie“ und die „Eduardskolonie“.

Das Plangebiet war durch ein Straßenraster gegliedert, das in den wesentlichen Zügen auch heute noch vorhanden ist. Die Haupterschließungsstraßen „Alter Römerweg“, „Michaelstraße“ und „Ehrenstraße“ bilden mit der „Freiheitsstraße“ ein Rechteck gleichsam als inneren Planungskern, um den herum durch abgehende Stichstraßen (beim „Alter Römerweg“) oder durch Parallelstraßen („Gartenstraße“ und „Barbarastraße“) weiteres Bauland erschlossen wird. Die Gärten wurden so angelegt, daß sie zwischen den einzelnen Straßenzügen großzügige Freiräume bildeten, die für die Siedlung Begau bis auf den heutigen Tag prägend und identitätsstiftend sind.

So entstanden damals in kürzester Zeit 237 Siedlerstellen, die auch heute noch im alten Planungsraster den Kernbestand dieses Ortsteils darstellen. Die Menschen, die damals auf dem kleinen Flecken Begau angesiedelt wurden und die hier ihre neue Heimat finden sollten, stammten aus vielen Gegenden Deutschlands. Die im Bergbau beschäftigten Facharbeiter waren in Schlesien, in Bayern, im Saargebiet, in Ostpreußen angeworben worden, um nur einige Gebiete beispielhaft zu nennen. Sie alle waren von der Kultur ihrer bisherigen Heimat geprägt und sollten jetzt in dem für sie neuen rheinischen Umfeld und in einer auf purem Zufall beruhenden landsmannschaftlichen Mischung heimisch werden und eine soziale Gemeinschaft bilden. In historisch gewachsenen Orten vollzog sich so etwas über Jahrhunderte. In dieser Siedlung sollte es schneller gehen und, um es vorab zu sagen, es ging auch schneller. Dazu haben viele Faktoren beigetragen.

Beispielhaft soll nur die „Siedlergemeinschaft“ genannt werden, die im Jahre 1935 — also im Jahr der Errichtung der Siedlung — von den Siedlern als vereinsmäßig organisierter Zusammenschluß gegründet wurde. Diese Gemeinschaft, die bis heute ununterbrochen besteht, wurde zur Keimzelle der sozialen Entwicklung des neuen Lebensortes. Auf dieser Ebene traf man sich, tauschte sich aus und, was ganz wichtig war, man lernte sich kennen. Aus diesen Begegnungen erwuchsen eine Fülle von sozialen Initiativen und Verbindungen, die letztlich dazu beitrugen, daß in der Begau in kürzester Zeit ein funktionierendes pulsierendes Gemeinschaftsleben entstand, das dem eines historisch gewachsenen Dorfes in nichts nachstand. Ein Ereignis aus dem Jahres 1953 zeigt dies deutlich. In diesem Jahr wurde zum Gedenken an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen und vermissten Siedler ein „Kriegerdenkmal“ errichtet. Folgende Gruppen haben die dem Grundstein beigefügte Urkunde unterzeichnet: Siedlergemeinschaft Begau, St. Michael Schützenbruderschaft Begau (gegr. 1947), Kath. Rektoratsgemeinde St. Michael Begau (seit 1936), Trommler- und Pfeifferkorps Alte Kameraden, DJK-SC Begau 1948, 1. Kegelclub Begau, Kegelklub Holzfäller, Maigesellschaft Begau 1946, 1. Karnevalsgesellschaft, Karnevalsgesellschaft Begauer Husaren, Georgspfadfinder, Taubenverein Siedlertreu. Die Anzahl von 12 Vereinigungen, die sich innerhalb von rund 10 Jahren — auch noch von den Kriegsjahren unterbrochen! — gegründet hatten, zeigt die Dynamik, die sich in dieser kleinen Siedlung damals entwickelt hatte.

Wenn man bedenkt, daß alle diese Vereinigungen auf ihre eigene Weise zum sozialen und gesellschaftlichen Leben ihre Beiträge leisteten und viele Gruppierungen im Veranstaltungskalender des Jahres mit eigenen Festveranstaltungen auftraten, gewinnt man in etwa eine Vorstellung davon, wie es auf der Begau „brummte“ oder wie man heute sagen würde „boomte“.Spätestens Anfang der 50er Jahre war die Begau „angekommen“, was weithin sichtbar durch den Bau und die Einweihung der Begauer Kirche in den Jahren 1953 und 1954 unterstrichen wurde.
Inzwischen haben sich auf der Begau wichtige Rahmenbedingungen verändert oder sind dabei, dies zu tun. So vollzieht sich in der Gründergeneration ein personeller Wechsel, soziale Kontakte haben sich auf neue Ebenen verlagert, mit der Folge, daß die Vereinslandschaft  deutlich ausgedünnt ist. Das gesellschaftliche Leben der heutigen Zeit hält jedenfalls einem Vergleich mit der oben geschilderten Situation nicht stand. Dies ist nur ein Punkt, der die Lebensqualität dieses Lebensraumes zu verschlechtern droht.Die Initiative „Unser Dorf hat Zukunft“, an der sich die Siedlergemeinschaft seit kurzem beteiligt, könnte und sollte eine geeignete Plattform für eine Standortbestimmung und eine Zukunftsausrichtung sein, die mit dazu beiträgt, diesen Ortsteil lebenswert zu erhalten.

Autor: Georg Lompa